Leichenpredigt auf Joseph Levin Metzsch (1507-1571)








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mit worten bedechtig, Sondern auch ergerlichen und
Ehrnrürenden nachreden, gantz feind gewesen, diesel-
ben nicht gern gehört, viel mehr vleis gehabt, alles auch
in verdechtigen reden, zum besten zudeuten, als denn
Edler, hoher, erbarer gemüter art und natur ist, Was
schaden aber in allen Regimenten bringe, da man Nach-
reden und leichtfertigem gewesch, ein audientz und gehör
geb, sich dieselben las bewegen und einnemen, hat er
offt das gemeine dictum gefürt, Calumniare audacter.
semper aliquid adhaerer. Und was Jacobus davon
schreibet am 3. cap. Siehe, ein klein feur, welch ein
wald zündets an ?Metzsch stellte sich gegen Klatsch und ehrrührige Nachreden. Dolscius beschreibt ihn als jemanden, der verdächtige Äußerungen stets „zum besten deutete“ – eine Tugend, die er als Merkmal eines wahrhaft edlen Gemüts ansieht. Er warnte davor, dass Herrschende („Regimente“) Schaden nehmen, wenn sie Schmeichlern oder Verleumdern Gehör schenken. Er rezitierte oft das lateinische Sprichwoert: „Calumniare audacter, semper aliquid adhaeret“, was so viel meint wie "Verleumde nur kühn, es bleibt immer etwas hängen". Er verwies auf den Jakobusbrief (Kapitel 3), in dem die Zunge mit einem kleinen Feuer verglichen wird, das einen ganzen Wald entzünden kann.

KUrtz, Er ist friedliebent gewest, sanfftmütig,
one hoffart, geitz, eigen nutz, bitterkeit und schendlichen
argwon, sich viel mehr lieb und aller gebürlicher
freundligkeit gegen dem Nechsten, wie Paulus die Lieb
beschreibet I. zum Corinthern am 13. capitel, so viel
müglich und sich geziemet, befliessen. Dolscius fasst Metzschs Charakter mit den Worten des Apostels Paulus (1. Korinther 13) zusammen. Er sei frei von Hoffart (Hochmut), Geiz und Eigennutz gewesen. Sein Handeln war geprägt von der „Liebe zum Nächsten“, wie sie im berühmten „Hohelied der Liebe“ beschrieben wird.


VOn diesem allen, wil ich zureden, ubergehen,
und allein seines lebens letzter zeit ein wenig gedencken.


Anno 1560. Nach dem aller Christen gemeine
Hoffarb ist das liebe Creutz, und der 75. Psalm sagt,
Das der HERR ein Becher in der hand hab, und mit
starckem Wein vol eingeschenckt, und schenckt aus dem-
selbigen, aber die Gottlosen müssen alle trincken, und
die heffen aussauffen. Da nun diese Edle person, ge-
sehen, das er mit grösserm Creutz teglich je mehr und
mehr Ab dem Jahr 1560 war Metzschs Leben von verschiedenen Leiden geprägt. 1562 verstarb seine Ehefrau. Dies muss ein schwerer Schlag für den Familienmenschen gewesen sein. Dolscius nutzt hier eine kraftvolle lutherische Metaphorik: „Der Christen allgemeine Hoffarb [Ehrenfarbe/Schmuck] ist das liebe Kreuz.“ Das bedeutet, dass Leiden im lutherischen Sinne als Zeichen der göttlichen Erwählung verstanden wurde. Gott reicht allen Menschen einen Becher Wein (Leiden/Schicksal) dar. Während die Gottlosen den bitteren Bodensatz („die Hefen“) trinken müssen, nimmt der gläubige Christ das Leiden als Prüfung an.

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mehr beschwert und bedrangt werde, Auff das er der-
wegen schöne tröstung, stets für seinen augen habe, und
hierin, als ein Ritter CHRISTI kempfe, (als denn
sein mus) so hat er zuo seinem selbs nutz, diese arbeit fur-
genomen, Einen auszug und verzeichnis, mit eigner
hand gestelt, und zusamen in ein sonderlich Buch ge-
schrieben, Und in itztgemeltem jar angefangen, als aus
den Büchern und Tomis Lutheri, Philippi. Brentii
und anderer, Item patrum, die Tröstlichen Reden, und
kurtze auslegung uber viel schöne Sentent und Spruoch
der Schrifft, Lateinisch und Deutsch, zusam gezogen
und auffs papyr verzeichnet, teglich auch vermert,Ab 1560, als die Lasten des Alters und persönliche Rückschläge zunahmen, begann Metzsch mit einer Arbeit, die typisch für einen gelehrten lutherischen Laien war: Er stellte eigenhändig ein Verzeichnis trostreicher Bibelsprüche und Auslegungen zusammen, ein sogenanntes Trostbuch. Hierfür exzerpierte er die Werke (Tomis) von Luther, Melanchthon (Philippi) und Johannes Brenz sowie die Schriften der Kirchenväter (Patrum).

Gleich wie ein emsiges, vleissiges Bienlein, das im
Somer auff einer schönen Wiessen, die mit mancher-
ley Blümblein geziert, herumb fleucht, und einen lieb-
lichen Safft, zu einem süssen Honig, zusam bringt.Dolscius nutzt das Bild der „emsigen Biene“, die Honig aus den Blumen einer Wiese sammelt. Das ist ein klassisches humanistisches Motiv: Man liest nicht nur, sondern man extrahiert das Beste („den süßen Honig“) für das eigene Seelenheil.


LEtzlich, Anno 1566. da nach absterben seines
lieben Weibs, so Anno 1562. abgeschieden, seine
trübsal sich geheuffet, darüber er denn offtmals diese
Vers Stigelii mit seufftzen gefürt, welche er auch viel
Leuten mit eigner handschrifft mitgeteilt.Am Ende des Textes vergleicht Dolscius den sterbenden Metzsch mit dem biblischen Simeon (aus dem Lukasevangelium). Simeon war der Greis, der im Tempel auf den Messias wartete und dann das berühmte „Nunc dimittis“ („Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“) sprach. Metzsch bereitete sich „zeitig“ auf seine letzte Reise vor. Er sah seine körperliche Schwachheit nicht als Ende, sondern als Aufbruchssignal. Es ist bemerkenswert, wie Dolscius hier die akademische Welt mit der privaten Trauer verwebt. Metzsch, der arme Studenten förderte, suchte selbst Trost bei den Dichtern der Universität: Stigelius. Nach dem Tod seiner Frau setzte er sich immer wieder mit dem Vers "Non dolor est maior. quam cum violentia mortis. Unanimi solvit corda ligatafide" auseinander, was so viel heißt wie "„Es gibt keinen größeren Schmerz, als wenn die Gewalt des Todes Herzen scheidet, die durch einmütigen Glauben verbunden waren."


Non dolor est maior. quam cum violentia mortis
Unanimi solvit corda ligatafide.


ER auch weiter von wegen seines zu nahenden Al-
ters, etliche des leibs schwacheit befunden, das er sich
allerley gefahr des lebens besorget, hat er sich zu seiner
Reis zeitsich dermassen als ein rechter Simeon, das ist,
zuhörer,